Nebennierenschwäche

Es gibt mehrere mögliche Erkrankungen der Nebennieren. Ich möchte mich hier auf die im Zusammenhang mit Hashimoto-Thyreoiditis häufig auftretende Nebennierenschwäche konzentrieren. Diese ist reversibel und nicht zu verwechseln mit der Autoimmunerkrankung Morbus-Addison bei der die Nebennieren ihre Funktion vollständig verlieren (Nebenniereninsuffizienz).
 

Die Nebennierenschwäche entwickelt sich oft aus lange anhaltender Stressbelastung. Stress ist in diesem Sinne nicht nur psychischer sondern auch physischer Stress, wie z.B. Verletzungen oder Operationen. Auch eine länger andauernde Schilddrüsenfehlfunktion ist letztlich Stress für den gesamten Körper. Daher sollte der Arzt, bevor er eine Schilddrüsenunterfunktion mit Hormonen behandelt, zunächst die Funktion der Nebennieren überprüfen. Dabei ist eine Nebennierenschwäche im Blut meist nur schwer zu erkennen. Aussagekräftiger ist ein Cortisol-Tagesprofil, das z.B. auch über Speichelproben erstellt werden kann. Grund hierfür ist die ausgeprägte Tagesrhythmik der Cortisolkonzentration im Körper. Diese ist morgens gegen 8 Uhr am höchsten und fällt bis zum Abend stark ab.
 

Im Rahmen der Schilddrüsendiagnostik kann es vorkommen, dass die Werte für FT3 dauerhaft höher sind als FT4. Auch diese Beobachtung kann ein Hinweis für einen Cortisolmangel sein. Produziert die Nebenniere zu wenig Cortisol wird vom Körper kompensatorisch mehr inaktives T4 in das stoffwechselwirksame Schilddrüsenhormon T3 umgewandelt. Ansonsten geben aber auch die unten aufgeführten Symptome deutliche Hinweise auf einen Nebennierenschwäche. 

 

Was sind eigentlich Nebennieren?

Die Nebennieren sitzen wie kleine Hütchen auf den oberen Polen der Nieren. Sie haben ansonsten aber nichts mit den Nieren zu tun. Nieren und Nebennieren haben vollkommen verschiedene Aufgaben. Die Nebennieren sind ein lebenswichtiger Teil des menschlichen Hormonsystems. Jede Nebenniere besteht aus dem Nebennierenmark (Medulla) und der Nebennierenrinde (Cortex). Diese beiden Teile haben unterschiedliche Funktionen und werden oft auch als zwei verschiedene Organe angesehen.

 

Welche Hormone produzieren die Nebennieren?

Im Nebennierenmark werden die Hormone Adrenalin und Noradrenalin produziert. Die Stimulation erfolgt durch die vegetativen Nervenzellen des ZNS. Beide Hormone gehören zu den sogenannten Katecholaminen. Sie sind Nervenbotenstoffe (Neurotransmitter). Sie fördern kurzfristig die Energiebereitstellung (Adrenalinschub). Die Freisetzung erfolgt insbesondere in Stresssituationen.
 

Die Nebennierenrinde macht ¾ der Nebennieren aus. Hier werden folgende Hormone produziert:
 

  • Sexualhormone (vorwiegend männliche, z.b. Androgene)
  • Mineralkortikoide (z.b. Aldosteron; sie regulieren den Elektrolyt- und Wasserhaushalt)
  • Glucokortikoide (z.B. Cortisol)


Warum ist das Cortisol so wichtig?

  • Cortisol hebt den Zuckerspiegel im Blut an und setzt Energiereserven frei. Damit verleiht es uns Kraft, um Gefahren und Stress zu bewältigen
  • Es beschleunigt den Herzschlag, erhöht den Blutdruck und versorgt so den Körper mit zusätzlichem Sauerstoff und Nährstoffen
  • Es regt den Appetit an, besonders auf Fleisch und Fett
  • Es wirkt verdauungsfördernd und verbessert die Aufnahme von lebensnotwendigen Nährstoffen. Außerdem werden Überempfindlichkeiten / Nahrungsmittelunverträglichkeiten gedämpft
  • Es wirkt entzündungshemmend und lindert Schmerzen
  • Es lindert Allergien, Fieber und Überreaktionen auf Giftstoffe
  • In natürlicher Dosierung stärkt Cortisol das Immunsystem

Im Ruhezustand produzieren die Nebennieren täglich ca. 40-60 mg Cortisol. Während einer Stressbelastung können es bis zu 200mg sein.
 
 

Wie äußert sich ein Cortisolmangel

  • Energiemangel, Unterzuckerungen
  • Geringe Stresstoleranz
  • Müdigkeit, wie bei einer Grippe – besonders nach Stresssituationen
  • Verdauungsprobleme, Colitis, Übelkeit, Appetitlosigkeit
  • Sucht nach Süßigkeiten oder Salzigem, Würzigem, Pfeffer
  • Niedriger Blutdruck und Schwindel besonders in aufrechter Position
  • Schneller Herzschlag bei geringster Anstrengung, Nervosität, kalter Schweiß
  • Kurzfristig besseres Befinden nach einer Mahlzeit
  • Leichte Depression, schlechte Laune
  • Schmerzen im oberen Rücken- bzw. Nackenbereich
  • Neigung zum Zittern, wenn man unter Druck gerät
  • Muskelschwäche besonders in den Beinen
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Auffallende Blässe, eingefallene Wangen, oft Untergewicht
  • Neigung zu Angst- und Panikattacken
  • Ekzeme, Psoriasis, Urtikaria, Allergien, Vitiligo


Wie behandelt man die Nebennierenschwäche?

Die Behandlung erfolgt über die Gabe von natürlichem Cortisol (Hydrocortison), manchmal auch mit synthetischem Cortison (Prednisolon). Diese sollte bei einer gleichzeitig bestehenden Schilddrüsenfehlfunktion immer zuerst erfolgen. Erst wenn die Nebennieren stabilisiert wurden, sollten Schilddrüsenhormone eingenommen werden. Hinsichtlich der Dosierung von Hydrocortison orientiert man sich an der natürlichen Hormonproduktion der Nebennieren. Die durchschnittliche Dosierung liegt bei 20mg Hydrocortison über den Tag verteilt. Diese Menge entspricht ca. 5mg synthetischem Cortison (Prednisolon). In der Regel nimmt man den größten Teil morgens, da hier auch der Bedarf am höchsten ist. Synthetisches Cortison wirkt gleichmäßig über 24 Stunden, hier ist keine Aufteilung erforderlich.
 

Zur Frage, ob Hydrocortison einschleichend gegeben werden sollte, gibt es verschiedene Auffassungen. Für den Fall, dass der Patient bereits synthetische Schilddrüsenhormone nimmt, ist ein vorsichtiger Beginn sinnvoll. Grund hierfür ist die Rückwirkung von Cortisol auf die Konzentration und Aufnahme von Schilddrüsenhormonen. Cortisol verbessert die Aufnahme und Wirksamkeit von Schilddrüsenhormonen im Körper. Ohne Cortisol kann der Körper die bereits zuvor zugeführten Schilddrüsenhormone oft nicht optimal nutzen. Beginnt man nun zu hoch mit Hydrocortison kann es u.U. zu plötzlich auftretenden, unangenehmen Überfunktionsbeschwerden kommen (hoher Puls, Herzstolpern, Schwitzen, usw.). Dies lässt sich vermeiden, wenn man vorsichtig mit 2,5mg beginnt, die Dosierung 3-4 Tage beibehält und dann langsam erhöht. Regelmäßiges Messen von Blutdruck und Puls kann hier hilfreich sein. Je nach Intensität der Nebennierenschwäche kann es durchaus sein, dass 2,5mg zuwenig sind. Man merkt dies, wenn sich die Beschwerden verschlimmern. Dann muss die Dosis schneller erhöht werden. Wichtig ist, dass die Gesamtmenge über den Tag verteilt wird. Auch dies sollte vom Befinden abhängig gemacht werden und muss vom Patienten ausprobiert werden. Hydrocortison verliert im Körper bereits nach ca. 4 Stunden seine Wirksamkeit.
 

Wenn man sich an dieses Vorgehen hält, werden die Nebennieren sich langsam wieder erholen und ihre ursprüngliche Funktion nach einer gewissen Zeit wieder aufnehmen können. Wie lange Hydrocortison ersetzt werden muss, hängt von der Intensität und Dauer der Nebennierenschwäche ab. Nach einigen Wochen / Monaten kann der Patient immer wieder mal eine Reduzierung versuchen. Was die Einnahme von Schilddrüsenhormonen betrifft, sollte man mittels Blutkontrolle regelmäßig überprüfen, ob hier eine Anpassung erforderlich ist. Diese kann nach oben oder unten notwendig werden. Aufgrund der dämpfenden Wirkung des Cortisols auf die Umwandlung von T4 in T3 kann auch die Gabe eines Kombipräparates (T3 + T4) notwendig werden.

 

Gibt es spezielle Ernährungsempfehlungen?

  • Regelmäßiges Essen ist wichtig, um den Blutzucker konstant zu halten. Kommt es hier zu größeren Schwankungen müssen die Nebennieren verstärkt Cortisol produzieren
  • Obst nur mittags und abends – nie zum Frühstück. Die Gesamtmenge sollte höchstens 10% ausmachen
  • Auf ausreichend hohe Zufuhr an Fetten (nicht erhitzt) achten: Butter, kalt gepresste Öle, fetter Fisch, Eier
  • Sinnvolle Nahrungsergänzungen: Vit E, Vit C, Beta-Carotin

Allgemeine Empfehlungen

  • ausreichender Schlaf, der nach Möglichkeit um 22 Uhr in einem vollkommen dunklen Raum beginnen sollte
  • Kaffee und koffeinhaltige Getränke meiden
  • Niemals auf das Frühstück verzichten
  • Nicht zuviel Getreideprodukte (Brot) und Milchprodukte konsumieren
  • Stark zuckerhaltige Früchte u.ä. (z.B. Melonen, Honig, Schokolade) meiden
  • Reduzierung des Fernseh-/Computerkonsums
  • Stressfaktoren nach Möglichkeit beseitigen


 

Quellen: Dr. Thierry Hertoghe, Dr. Nabert, Dr. Michael Lam, Dr. Durrant-Peatfield


 

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