Die Theorie der „langen Wellen“ nach Kondratieff
 

Nikolai Kondratieff veröffentlichte 1926 erstmals seine Theorien der „langen Wellen der Konjunktur“. Er wies darauf hin, dass die wirtschaftliche Entwicklung Westeuropas und der USA nicht nur durch kurze und mittlere Konjunkturschwankungen gekennzeichnet sei, sondern auch durch die langen Phasen von Prosperität und Rezession. Solche Konjunkturwellen, die heute auch als Kondratieffzyklen bezeichnet werden, hatten nach seinen Untersuchungen eine Dauer von 45 – 60 Jahren. Sie werden durch Basisinnovationen ausgelöst, die grundlegende Änderungen in der Produktion, der Arbeitsorganisation und der gesellschaftlichen Ordnung erforderlich machen und einen boomartigen Produktivitätsschub und Wohlstandszuwachs ermöglichen. Kondratieff erkannte in diesen Zyklen einen tiefgreifenden Reorganisationsprozess der gesamten Gesellschaft. 

 

Leo A. Nefiodow hat darauf hingewiesen, dass in den letzten 250 Jahren fünf Kondratieffzyklen empirisch nachgewiesen werden konnten.
 


 

Bereits 1996 äußerte er die Vermutung, dass der von der Informationstechnik angetriebene fünfte Zyklus in Europa Ende der 90er Jahre seinen Höhepunkt überschritten hatte. Das Überschreiten des Höhepunktes eines Kondratieffzyklus führt nach den empirischen Erfahrungen aus früheren Zyklen dazu, dass Investitionen in die durch die Basisinnovation vorangetriebenen Wirtschaftsbereiche keinen entscheidenden Produktivitätszuwachs mehr bewirken und Investitionen in neue Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze unterbleiben. Genau das ist nach dem Platzen der "New-Economy-Blase" zu Beginn des Jahrtausends passiert. Steht eine andere, hinreichend produktivitätsfördernde Basisinnovation nicht bereit, die entsprechende Wachstumsimpulse liefert, dann ist der Weg in eine langanhaltende Rezession nicht zu vermeiden. Was jedem, der nicht gerade mit Blindheit geschlagen ist, leicht ersichtlich ist: Seit einigen Jahren bringt der technologische Fortschritt des PC keine gravierende Produktivitätssteigerungen mehr mit sich. Was automatisiert werden konnte, ist automatisiert worden.

 

Deutschland scheint sich in dieser Situation zu befinden. Alle Bemühungen konzentrieren sich darauf, die Kosten zu senken, damit Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben. Investitionen in neue Technologien und Bildung sind nicht ausreichend. Im Gegenteil: Zum Teil werden vergangene Basisinnovationen noch mit erheblichen Subventionen gefördert. Beispielhaft sei hier nur die Kohleförderung genannt. Und der sechste Zyklus ist zwar in Sicht, aber mit seinen Potenzialen natürlich nicht im Blickfeld einer Politik, die leider nur in 4-Jahres-Zyklen zu denken vermag. Das Problem dabei: Die Theorie der langen Konjunkturwellen beschreibt nicht nur bloße Wirtschaftszyklen, sondern vor allem gesellschaftliche Prozesse. Und es ist bereits jetzt, in dieser frühen Phase erkennbar, dass die Politik fast exakt die Fehler wiederholt, die die letzten beiden Kondratieff-Abschwünge unnötig verschärft hatten.
 

Die Erkenntnisse über frühere Kondratieffzyklen zeigen, dass nur diejenigen Länder die Chancen eines Aufschwungs nutzen konnten, die sich durch gezielte Investitionen und eine Reorganisation der Gesellschaft auf ihn einstellten.
 

Die Basisinnovationen des 6. Kondratieffzyklus
 

Basisinnovationen, die einen neuen Kondratieffzyklus ermöglichen, sind Innovationen, die den Weg für einen bis zu diesem Zeitpunkt nicht möglichen Produktivitätsfortschritt in der Wirtschaft und der Gesellschaft frei machen. Geht man nun davon aus, dass der 5. Zyklus beendet ist, stellt sich natürlich die Frage, was die Basisinnovationen des bevorstehenden 6. Zyklus sein werden.

Nefiodow sieht den Gesundheitsbereich als den neuen Megamarkt des 21. Jahrhunderts, der auf den folgenden Basisinnovationen beruhen sollte:
 

  • Psychosoziale Gesundheit
  • Biotechnologie
  • Umwelttechnologien

Insbesondere in der Verbesserung der psychosozialen Gesundheit sieht Nefiodow erhebliche Produktivitätsreserven für Wirtschaft und Gesellschaft. Zur Begründung verweist er auf die großen Schäden und Verluste, die uns momentan durch psychische Störungen und ihre Folgen wie Gewalt, Kriminalität, Drogenmissbrauch und Erkrankungen entstehen. Dabei ist die Nachfrage bereits jetzt enorm. Menschen sind immer stärker bereit, immer größere Teile ihres Einkommens nicht nur für Medikamente, sondern auch für gesunde Ernährung und Gesundheitsdienstleistungen aller Art auszugeben. Vom autogenen Training über Psychotherapien bis Yoga – jeder strebt nach Wohlbefinden oder „Wellness“. Diese Entwicklung wird durch die demographische Entwicklung weiter verstärkt.
 

Produktivitätswachstum ist eine unabdingbare Voraussetzung für wachsenden Wohlstand und zunehmende Nachfrage nach Arbeit. Folgt man der Analyse von Nefiodow, dann bietet der bevorstehende 6. Kondratieffzyklus dafür neue Chancen, wenn Politik, Wirtschaft , Gesellschaft und Bürger gegenwärtige Verhaltensweisen und Strukturen ändern und sie auf die Förderung und Erhaltung von Gesundheit im weitesten Sinne ausrichten. Folgende Maßnahmen sind hierzu notwendig:
 

Umstrukturierung des Gesundheitswesens von der Krankheits- zur Gesundheitsorientierung: Nicht die Bekämpfung der Krankheit und ihrer Symptome sollte im Vordergrund stehen, sondern die Gesunderhaltung der Menschen durch eine vorbeugende Bekämpfung von sozialen, ökologischen, geistigen und seelischen Krankheitsursachen. Die Schulmedizin, wie wir sie heute kennen, die Menschen mit symptomorientierter Behandlung im 5-Minuten-Takt abfertigt, ist nicht in der Lage, diese Krankheiten zu heilen. Heute investieren wir fast ausschließlich in Krankheit. 99 Prozent der Mittel im sogenannten Gesundheitswesen werden für die Erforschung, Diagnose, Therapie und Verwaltung von Krankheiten ausgegeben.
 

Förderung der psychosozialen Kompetenz der Menschen, der Fähigkeit, mit sich selbst und den Mitmenschen in Einklang zu leben, kommunizieren zu können und gemeinsam mit anderen kooperativ an der Lösung von Problemen arbeiten zu können. Deshalb wird in der vernetzten Arbeitswelt bereits heute soviel Wert auf die soziale Kompetenz gelegt. Jahr für Jahr gehen Millionen Arbeitsstunden verloren, weil die Menschen unter psychosomatischen Krankheiten leiden, sich gegenseitig frustrieren und bekämpfen. 30 – 50 Prozent aller Angestellten fühlen sich unwohl, leiden unter Mobbing oder haben innerlich gekündigt. Künftig wird die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen maßgeblich davon abhängen, wie stark sie sich für die körperliche, seelische und soziale Gesundheit ihrer Mitarbeiter einsetzen.
 

Investition in Forschung und Entwicklung der Bereiche Biotechnologie, der Pharmaindustrie und der Medizintechnik. Dabei wird eine Medizin entstehen müssen, in der der ganze Mensch im Mittelpunkt steht, nicht einzelne Organe, Symptome, ein Apparat oder die Chemie.
 

Investition in Forschung und Entwicklung von Umwelttechnik. Weltweit wächst der Umweltschutz bereits überdurchschnittlich. Langfristig gibt es keine Alternative dazu, insbesondere auch aus Gründen des Gesundheitsschutzes.
 

Entwicklung und Umsetzung von Konzepten und Maßnahmen der Kriminalprävention.
 

Investition in Bildung und Erziehung.
 

Schaffung von Strukturen und Rahmenbedingungen, die Institutionen, Organisationen und auch dem einzelnen Bürger einen Anreiz geben durch ihr Verhalten gegenüber Dritten Vertrauenskapital zu schaffen, statt es aus kurzfristig orientiertem Profitstreben leichtfertig zu verspielen.
 

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Was bedeutet das für die Kapitalanlage?
 

Grundsätzlich ist zu überlegen, ob Investitionen in Branchen vergangener Zyklen sinnvoll sind. So sind z.B. im Segment Informationstechnologie (hierzu gehören z.B. EDV, Software, Internet, Telekommunikation etc.) keine überdurchschnittlichen Wachstumsraten mehr zu erwarten. Vor dem Hintergrund der "Theorie der langen Wellen" sollten im Rahmen einer sinnvollen Asset-Allocation folgende Branchen übergewichtet werden:
 

  • Biotechnologie
  • Umwelttechnologie
  • Gesundheit (Wellness; alternative u. ganzheitliche Medizin;)
  • Erziehung u. Bildung
  • Medizintechnik


 

Gesundheit wird zukünftig zum treibenden Faktor für die Wirtschaft!!!
 

Ausführliche Informationen findet man im Buch "Der sechste Kondratieff" von Leo A. Nefiodow. Es ist verständlich geschrieben und liest sich - vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Probleme - spannend wie ein Krimi. Absolut empfehlenswert! Die sechste, aktualisierte Ausgabe ist ab April 2006 im Buchhandel erhältlich.